BNN v. 23.1.2012

Rathausstil: „Avanti Dilettanti“
Flößerhalle wurde zur „Narrenkrippe“ / Spektakuläre Dreistigkeiten 

Gaggenau-Hörden. Dass „die Hördemer“ so närrisch sind, kommt nicht von ungefähr. Schließlich sind sie „Geboren für d’Fasent“. Unter diesem Motto bewies die „verjüngte“ Narrenzunft „Schmalzloch“ Hörden in ihren drei Damen- und Herrensitzungen am Wochenende eindrucksvoll, dass ihre Aktiven den Fasent-Virus schon mit der Muttermilch aufgesogen haben. In der liebevoll zur „Narrenkrippe“ umgestalteten Flößerhalle erlebten Hunderte Fasebutze eine kindlich verspielte Fasent mit Witz und Biss, Musik und Tanz – souverän und charmant moderiert von Björn Stolle.
Elf Gongschläge von Mario Tschans Schulhausband, und schon begann, „Krah-Krah-Hurra“, mit Dominic Heberles „Babysitterboogy“ und Isabell Zehners „Baby“-Sketch der närrische Ausflug in die bunte Welt der Hördemer Pampersrocker, deren erstes gebrabbeltes Wort nicht etwa Mama oder Papa, sondern Helau ist.
Heran geblasen und getrommelt von den Hörtelsteiner Herolden, eröffneten die närrischen Hoheiten Prinzessin Claudia III. (Bühler), Prinz Alwin I. (Moser) und Schlempenkönigin Regina I. (Strößner) offiziell die närrische Gala. Wobei Regina I. als erste Amtshandlung den Schmutzigen Donnerstag zum gesetzlichen Feiertag für alle Frauen erklärte. „Die Männer erhalten Bildungsgutscheine für den Haushalt.“ Auch nicht schlecht, mag sich der neue Närrische OB Matthias Karcher gedacht haben. Schließlich hat sich die ehemalige Männerballett-Elfe vorgenommen, die „spektakulärsten Dreistigkeiten“ ins Visier zu nehmen.
Liebevoll bissig widmete er sich den befriedigt durch die Welt reisenden Ergo-Versicherern oder den staugeplagten Gaggenauern, die auf der neuen Automobolischau beim Rotherma bald ihren eigenen „Christofer-Street-Day“ feiern dürfen. Als Antrittsgeschenk überreichte der Neue im Schmalzlocher Rathaus die neue Lärmschutzwand „uf d’r Hördemer Essel“– „unne offe, weil die Planer bei der Planung total be…troffe“. Auch die Badische Schlempelgruppe machte sich so ihre Fasentgedanken und widmete sich frei nach Bach („Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen“) oder Reinhard Mey („Er ist am Ende. Unser Durst wird wohl grenzenlos sein“) dem Häuserschlempeln in all seinen besäuselnden Facetten. Am Ende war allen klar, was ihnen wichtig erscheint, nämlich „Blutwurz, Zäpfle und Wein“.
Schwarzwald-Rapper Markus Lang alias „Otto“ (diesmal ohne „Anna“) stürmte als unheiliger „Graf“ die Bühne und setzte das diesjährige Motto mit seinem Song „Mir sin gebore für d’Fasent“ perfekt um. Die „Gerüchteköche“ tischten die kuriosesten Geschichten aus dem Ort auf. Etwa die von Michael, der sich beim SWR3 für seinen im Krankenhaus befindlichen Schwiegerdrachen das Lied „So kann es sein, so soll es bleiben“ wünschte. Dass es nicht so bleibt, hoffte indes Chris Wild alias „Cowboy Bill“, der mit seinem Gaul Uschi mit dem Flieger nach Malle reisen wollte, dann auf die Deutsche Bahn umsatteln musste und jetzt „ums Verrecke den Uschi net findet“. Auch „D’Flößer“ machten sich auf den Weg. Nach ihrer musikalischen Zeitreise durchs krisengeschüttelte Europa ließen sie die Besucher die Geburt des neuen Schmalzlocher Zahlungsmittels miterleben: des hölzernen Flößers. Na, wenn das mal keine Zeitungsente war, dass die Wall-Street bald Wood-Street (Holzweg) heißt.
Apropos: Björn Stolle, der große, blonde Zauberonkel mit der Quetschkommode, widmete sich unter dem Titel „Pressestimmen und mehr“ der schwarzweißen Magie direkt aus dem Blatt und den aktuellen Schlagzeilen wie der „Schlecker-Pleite“, der Euro-Krise („selbst den Froschfressern gehen jetzt die Kröten aus“) oder dem Niedergang der FDP, welche „seit Möllemann nicht mehr an den Rettungsschirm glaubt“.
Die „Schaumschläger“ erzählten in ihrer Sendung mit der Maus Lach- und Sachgeschichten aus dem Flößerdorf. Sie nahmen „Die Unvollendete“ (Lärmschutzwand) ebenso aufs Korn wie den „Avanti Dilettanti“, den neuen, leichten italienischen Stil im Rathaus. Als lustig vor sich hin gackernde Hühner kümmerten sie sich um ungelegte Eier und hatten bei einem Feldversuch im „Hirsch“  ihre liebe Not mit dem Thekenautomat „Berta“. Helga Hirth und Sabrina Dunz trugen derweil auf offener Bühne ihren Generationenkonflikt aus.
Die „durschtigen Fiddel“ Armin Wild und Rolf Netzer machten als ganz schön schlaue TV-Nostalgiker Furore, die „gern mol wieder Bonanza sehe däde“ – und sich „oifach bled stelle“, was das Leben ungemein erleichtert. Wer sorgt dafür, dass der Michelbacher Gumbe krokodilfrei bleibt? Die seegrasverfilzten Gumbetaucher Eugen Weber und Jürgen Schäfer.
Und natürlich wurde auch wieder mitreißend und auf hohem Niveau getanzt. Diesen Part übernahmen die fantasievoll kostümierten Schau- und Gardetänzerinnen und -tänzer der Narrenzunft. Die Flößergarde präsentierte einen Marsch und ihren temperamentvollen Schautanz „Radiomix“. Die Murgperlen glänzten mit einem Marsch und ihrer Maulwurf-Persiflage „Lasst uns graben“. Die Murgspatzen wirbelten beim Schautanz „Kommt aus euren Häusern raus“ als schnelle Schnecken über die Bühne. Nicht zu vergessen die „Fürig Barthel“. Oder die Herren des Männerballetts „Die Majas“ als niedliche Hosenscheißer – getreu dem Motto „Geboren für d’Fasent“.                           Ralf Joachim Kraft