1949 der erste Umzug nach dem Krieg

Unter den Fastnachtsumzügen in der Region nimmt Schmalzloch-Hörden mit seiner über 100-jährigen Tradition der Umzüge eine besondere Rolle ein. Dabei verdeutllicht ein Blick auf die Historie der Hördener Umzüge, wie sich die fastnachtlichen Gestaltungsformen im Laufe der Jahre verändert haben. Während bei vielen Fastnachtsumzügen in der Region heute fast nur noch alemannisch geprägte Häs- und Holzmasken zu sehen sind und vor allem Hexen- und Teufelsgruppen dominieren, war dies nicht zu allen Zeiten so. Noch weit in die 1990-er Jahre hinein standen in der Region jährlich wechselnde Kostümgruppen und Motivwagen im Vordergrund, die sich nur langsam mit einzelnen schwäbisch-alemannisch orientierten Häsgruppen präsentierten.

Strenges Verbot

Ein Beispiel hierfür ist der erste Nachkriegsumzug an Fastnacht in Hörden. Nachdem im Zuge des II. Weltkriegs und der ersten Nachkriegsjahre ein strenges Fastnachtsverbot bestand, fand in Hörden bereits im Jahre 1949, vor nunmehr 70 Jahren, der erste Fastnachtsumzug in der Region statt, der an die vorangegangenen Umzüge seit 1914 anknüpfte.
„Zuerst hatte die französiche Militärregierung einen Maskenumzug verboten, dann wurde jedoch vom badischen Innenministerium 1949 verfügt, dass in Gemeinden mit üblichen und althergebrachten (historischen) Gebräuchen wieder Fastnacht gefeiert werden durfte“ beschreibt der Historiker der Schmalzlocher Narrenzunft, Rolf Schnepf, die Anfänge der Schmalzlocher Fasent nach dem Krieg.

So bekamen die Schmalzlocher Narren die Erlaubnis, wiederum den ersten Fastnachtsumzug nach Kriegsende durchzuführen. Noch im Jahr 1948 war dies undenkbar im Murgtäler Narrendorf, denn wie der ehemalige Ochsenwirt Casimir Anselm berichtete, hatten nach dem II. Weltkrieg die Franzosen in Hörden Quartier genommen und stellten den oberen Ochsensaal ihren aus Marokko stammenden Soldaten zur Verfügung. Diese verwandelten die spätere Hochburg des Schnurrens mit Gemälden und Tüchern in eine Wüstenoase. Als in der Fastnacht erste Hördener wieder mit ihren Schnurr- und Dominokostümen und ihren Masken auftauchten, nahmen die im Dorf stationierten französischen Besatzungstruppen, vorwiegend Marokkaner, schleunigst Reißaus. Wie ältere Hördener berichteten, konnte man sie überall finden: im „Ochsen“ unter den Tischen, auf Speichern und in Heuböden.

Marrokaner in Hörden

Der kurz nach 1900 geborene Hördener Julius Dorflinger erinnerte sich: „Im Schulhof standen Lindenbäume. Die waren voll gesät mit Marokkanern mit Pluderhosen und mit Turbanen auf dem Kopf.“ Nachdem man sich aber überzeugt hatte, dass die Hördener nur Fastnacht und Spaß machten und auch die offiziellen Stellen die Erlaubnis erteilte, war der Weg frei für den ersten Nachkriegsumzug in der Region.

In einer Vorschau auf das Hördener Fastnachtstreiben des Jahres 1949 schrieb das Rastatter Tagblatt: „Hinter verschlossenen Türen und Fenstern tagten einige maßgebende Männer von Hörden und überlegten und berieten, ob es in Anbetracht der vielen Sorgen und der großen Not nicht verfrüht sei, die im Dorfe traditionelle Fastnacht schon in diesem Jahre wieder zu begehen. Von all dem scharfen Denken standen ihnen die Haare zu Berge. Sogar die drei Härchen, die ein Glatzkopf unter ihnen noch besitzt, wippten bedenklich hin und her..“. Schließlich entschied sich der Elferrat unter der Leitung von Otto Schwaab zur Durchführung der traditionellen Fastnacht in Schmalzloch.

Narrenbaum am Kirchl

Neben der feierlichen Aufstellung des Narrenbaumes am alten Kirchlplatz, die von rund 450 aktiven Narren begleitet wurde, führten die Hördener am Fastnachtsonntag ein „Faset-Umzug“ durch, zu dem trotz Schauerwetter bereits 12.000 Besucher mit dem Fahrrad, zu Fuß, aber auch mit Sonderzügen der Bahn aus Forbach oder Rastatt anreisten. 31 Umzugsgruppen mit etwa 1.000 Akteuren aus Schmalzloch sorgten für ein lang entbehrtes Narrenspektakel, wobei Fastnachtsmotive aus den 30-iger Jahren wieder aufgegriffen wurden. Unter anderem waren die Altweibermühle, Zwerg und Riesendame, Flößer, Schmalzlocher Damenkapelle, Narrenglucke mit Jungen und zahlreiche Dominos unterwegs. Die schon damals 15 Wagenmotive, die zum Teil noch von Kühen und Pferden gezogen wurden, behandelten unter anderem Geld- und Steuerfragen, wie etwa das „einzige steuerfreie Geschäft“ oder die „sensationelle Preissenkungen“.

Prinz Carneval im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt des Narrenwurmes stand natürlich Prinz Carneval und sein närrischer Hofstaat. Wie das Beispiel vom ersten Nachkriegsumzug aus dem Jahr 1949 verdeutlicht, prägten in Schmalzloch über alle Jahrzehnte jährlich wechselnde närrische Kostümgruppen und Motivwagen den Fastnachtsumzug, der sich so jedes Jahr wieder aufs Neue erfindet und sicherlich auch in diesem Jahr wieder eine bunte närrische Mischung der Fastnachtsstile präsentieren wird. Schon vor 70 Jahren stand zum Hördener Fastnachtumzug in der Zeitung zu lesen, das ganze Dorf habe mitgemacht „vom Urgroßvater bis zum Säugling, vom Ziegenbock bis zum Hühnerei“.
Nur die heute in der Region überall präsenten Holz- und Häsmaskengruppen hatten damals noch nicht ihren Weg ins Murgtal gefunden und sind erst viele Jahre später entstanden. Holzmasken und Häsfigurengruppen hatten sich in der Region damals schon aus Kostengründen noch nicht durchgesetzt und wurden lediglich als wenige andernorts eingekaufte Einzelmasken präsentiert.

Die Kopierfräser

Erst in den letzten Jahrzehnten entstand durch die Möglichkeiten des Kopierfräsens ein Boom um Holzmasken und Häsfiguren, die für eine schwäbisch-alemannische Ausrichtung der Fastnacht stehen. Erkennbar ist darin jedoch die große Dynamik und Freude an der Fastnacht, die nicht erstarrt ist, sondern immer wieder Wandlungen unterworfen ist. Spannend dürfte es also sein, in welchen spielerischen Formen sich die Fastnacht in den nächsten 70 Jahren in unserer Region präsentieren wird. Vielleicht wird man die Fastnacht nur noch digital erleben oder wird es im Murgtal bis dahin sogar wieder eine Rückbesinnung auf wilde, unorganisierte Fastnachtsformen wie in früheren Jahrhunderten geben